Social Commerce: Was Google plus alles bewirken könnte


06.07.2011

Allerlei Zeitschriften und Blogger haben seit Ende Juni ausführlich darüber berichtet, dass Google der erste ernst zu nehmende Herausforderer von Facebook ist. Ganz egal, ob man nun zu den Befürwortern oder Skeptikern gehört: Falls Google plus durchstartet, wären spürbare Auswirkungen auf Social Commerce die Folge.

Nachfolgend drei diesbezügliche Thesen:

1. These: Social Commerce setzt sich auch im b2b-Umfeld durch

Verschiedene b2b Strategien werden heute schon im Zusammenhang mit Facebook , LinkedIn oder XING diskutiert. Dabei handelt es sich jedoch bestenfalls um Fanpages und Unternehmensprofile. Online-Shops , wie sie zunehmend auf Facebook entstehen, dürften im b2b Umfeld bislang kaum Relevanz besitzen.

Auf Google plus können b2b und b2c-Kreise viel besser fokussiert angesprochen werden als auf Facebook. Es kann daher ein und die gleiche technische Infrastruktur verwendet werden (z.B. ein Shop oder eine FAN-Page), um zwei unterschiedliche Kundenbereiche anzusprechen. Zudem nutzen bereits heute viele Unternehmen Google-Dienste wie einen (browserbasierten) Email-Account bzw. das Kalender-Modul. Sie hätten täglich den denkbar einfachsten Zugang zu entsprechenden Angeboten. B2b-Angebote würden schnell Zulauf erhalten.

Unternehmen wie Dell werden vermutlich als Erste auf diesen Zug aufspringen, da sie Produkte sowohl für b2b als auch b2c anbieten. Andere werden folgen. Potenzielle Verlierer dieser Entwicklung sind in erster Linie b2b-Netzwerke wie XING oder LinkedIn: Für b2b Social Commerce fehlt ihnen schon heute die werbliche Attraktivität, aber auch die Reichweite – künftig wird beides vermutlich noch mehr fehlen! Und: Facebook wird auch einiges einbüßen – der Grund wird in der zweiten These beleuchtet.

2. These: Doppelte Infrastrukturen, geteilte Budgets und Bundles

Wer sich Social Commerce auf die Fahnen schreibt, kann, darf und muss heute alles auf eine Karte setzen: Auf Facebook! Der Begriff f-commerce ist rasend schnell aufgekommen – ein weiterer Begriff wird hinzu kommen: Vermutlich "g-commerce" oder so ähnlich!

Durch Google plus wird jede Social Commerce Strategie deshalb automatisch komplexer!

Die daraus resultierenden Fragen sind quasi unerschöpflich: Was macht man auf welcher der beiden Plattformen mit welcher Intensität? Wo spricht man welche Kunden am besten an? Wie teile ich mein Geld dafür auf? Kurzum: Budgets müssen gesplittet werden. Auch Shops müssen vermutlich für jedes Netzwerk individuell aufgesetzt werden – jedenfalls so lange, bis integrierte technische Lösungen vorhanden sind. Auch Produkt-Ratings und Reviews müssen plattformübergreifend aufgesetzt werden und anschließend wieder integriert werden.

In einer Übergangszeit bedeutet das für Unternehmen vor allem eins: Mehr Arbeitsaufwand, weniger Fokussierung und auch weniger Geld für Maßnahmen auf jedem der beiden großen Netzwerke. Folglich werden Unternehmen wie beim Roulette überlegen: "Alles auf eine Karte setzen?" (= entweder Facebook oder Google plus) oder gemischt setzen? Rein mathematisch wäre das alles vermutlich noch zu lösen, wenn Google nicht gleichzeitig einige Zusatztrümpfe in der Hand hätte: Kampagnen in Google plus können mit AdWords kombiniert und zudem mit bestmöglicher SEO-Optimierung ausgerollt werden. Schon kommt es zur Mischkalkulation und damit zur erschwerten Vergleichbarkeit von Angeboten und Aktionen beider Player.

Facebook könnte dann zwar mit BING und Yahoo etc. kontern – aber ist das wirklich so attraktiv? Im Hinblick auf Bundles hat Google vermutlich auf lange Sicht die Nase vorn. Die Konsequenzen: Google kann mit wesentlich weniger Usern bereits zur handfesten Konkurrenz von Facebook werden.

3. These: Integration von Fans beider Netzwerke wird die Herausforderung Nr.1!

Social Commerce wird heute vor allem auf Facebook platziert, weil es bislang keine gleichwertige Konkurrenz gibt: Myspace, StudiVZ et al spielen keine Rolle und Twitter ist eine andere Disziplin. Zudem bieten Unternehmen bislang selbst keine eigenen Communities im Online-Shop an. Solche Hausinternen Communities machen auch aktuell nicht überall Sinn, weil Facebook einfach das Mittel der Wahl ist – hier spielt nach wie vor die Musik, warum also eigene Strukturen aufbauen, wenn man Facebook-Strukturen nutzen kann?

Sobald sich aber zwei starke Netzwerke gegenüber stehen, wird die Sache sowohl aus Sicht von Anbietern als auch von Kunden unübersichtlicher: Bekennt man sich nun auf Facebook oder auf Google plus als loyaler Kunde oder auf beiden gleichzeitig? Irgendwann werden Marken mit 100.000 Facebook Fans und gleichzeitig mit 75.000 Google Fans werben. Bleibt die Frage: Sind es die gleichen Menschen, die bloß in zwei Netzwerken aktiv sind? Sind sie es unique User? Darf man die Zahlen addieren oder gerade nicht? Wie soll man hier Klarheit schaffen?

Kurzum: Wo und wie werden die Fans beider Netzwerke wieder zusammen geführt und damit u.a. vergleichbar gemacht? Der Vorschlag: Im eigenen Netzwerk! Eben dem von Otto, Neckermann oder Douglas oder auch im eigenen Netzwerk von Adidas, Globetrotter oder BMW. Nur hier können die Fäden langfristig wieder zusammen laufen. Nur hier kann eindeutig geklärt werden, wie viele "unique Fans" ein Unternehmen oder ein Produkt besitzt. Firmen wie fressnapf.de und zooplus.de haben bereits eine solche Community – vermutlich langfristig gut angelegtes Geld!

Fazit

Die Google plus Betaversion ist momentan noch voller Kinderkrankheiten. Es kann auch aus vielen Gründen noch nicht sicher beurteilt werden, ob bzw. bis wann sich das Angebot tatsächlich durchsetzt. Jeder kann hier seine eigene Prognose wagen. Sollte sich das Angebot allerdings durchsetzen, werden im Social Commerce mit hoher Wahrscheinlichkeit völlig neue Herausforderungen und Chancen entstehen. Eine insgesamt aber sehr begrüßenswerte Vorstellung.

Wer mehr über die möglichen Social Commerce Ambitionen von Google wissen will, sollte sich übrigens gleich mal das Wort ZMOT merken – es ist der Titel eines kostenlosen Whitepapers von Google, das kürzlich erschienen ist. Download hier .


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Oliver Merx ist Business-Development-Manager der MediaWorld AG. Zuvor arbeitete er als Berater und Softwareentwickler sowie in verschiedenen Leitungspositionen namhafter Internet-Dienstleister.

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