Praxis: Twitter, Blog, Wiki und Mashups


20.07.2009

Praxis Twitter

Stellen Sie sich einen extrem sprachbegabten vielbeschäftigten Projektleiter vor, der etwas schreibfaul ist und nur widerwillig seine E-Mails beantwortet, weil er es eben muss. Wenn er mit seinem geliebten iPhone im Taxi, im Zug oder bei Meetings eben ein paar Ideen, oder Hinweise in die Firma twittert, findet er schnell Follower (Leser), die nie etwas von ihm in einer Datenbank sehen würden. Aber aufgrund seiner Kurznachrichten wird er zum nächsten Brainstorming in die Niederlassung in Amsterdam eingeladen und kann dort in 10 Minuten ein seit Monaten festgefahrenes Projekt in eine neue Richtung lenken.

Dabei ist die Technologie nur ein Vehikel, dass möglichst allen charakterlichen Typen der Kooperation (siehe auch Belbin-Bögen) ihre Eigenheiten belässt und nur die Geschwindigkeit einiger und die Vielseitigkeit anderer sinnvoll für diejenigen nutzbar macht, die die Substanz eines Projekts nach vorne bringen. Und das sind oft mehr als die direkt Beteiligten. Beide Arten, das Leben zu begreifen, profitieren enorm von vielkanaligen Kontaktplattformen. Übrigens: Frauen lieben Twitter. Und sie haben bisher wenig laicht zugängliche Plattformen gehabt, sich im Web zu unterhalten. Mit diesem Werkzeug kann sich das ändern.

Praxis Blog

Das Höchste im Online Marketing ist ein Corporate Blog, das in der Technorati-Hitliste der besten Blogs zu einem Themenbereich hohe Relevanz erreicht hat. Den Nutzen so einer Anwendung der offenen Tür ist gar nicht zu überschätzen. Denn der am schnellsten wachsende und effizienteste Markt weltweit ist Search Advertising (lt. Studie J.P.Morgan "Nothing But The Net" 2009). Wenn Firmeninhalte also im sogenannten organischen, also unbezahlten Bereich, großer Suchmaschine erscheinen, dann ist das ein extremer und nachhaltiger Gewinn, denn das Netz vergisst nichts. Einmalige Bezahlung und langfristiger Gewinn an Glaubwürdigkeit, Reputation und eben Umsatz.

Das ist nichts Neues für einige Leser. Warum aber sollte so eine Maßnahme im Firmennetz weniger erfolgreich sein? Weil Ihre Geschäftspartner nichts über ihre Firma wissen wollen? Weil Ihre Mitarbeiter lieber den Newsletter am Montagmorgen lesen wollen, wenn sie noch halb im Wochenende schlummern, anstatt nach dem Mittagessen im Kommentarbereich Neuerungen mit zu diskutieren? In einem Blog haben Führungskräfte aller Levels drei große Chancen, Kudos zu erwerben.

  1. Sie können wirklich gut schreiben, also unterstellt man ihnen auch, dass sie ein Thema von Grund auf durchschauen und über rhetorische Brillanz verfügen.
  2. Führungskräfte beherrschen die Diskussion über Kommentare. Damit achten Sie die Meinung anderer und setzen sich mit guten und hilfreichen Einwendungen aktiv auseinander oder bestehen souverän böse anonyme Anfeindungen. Beides sind unerlässliche Kompetenzen im dritten Jahrtausend.
  3. Ihre zukünftigen Führungskräfte können sich zu einem Thema vor der Belegschaft bewähren und die HR-Abteilung hat ein Assessment Center (AC), dass in ganz großer Runde die praktischen Kenntnisse von potenziellen Mitarbeitern nachlesen kann, inklusive der anschließenden Fachdiskussion. Besser kann QM im Personalwesen nicht auf alle Schultern verlagert werden. Wer weiß denn besser als die Fachabteilung, oder jemand Schmu aus der MBA-Schmiede wiederkäut oder wirklich von praktischer Arbeit reflektierte Perspektiven einnimmt.

Praxis Wiki

Angesichts von Sozialen Netzwerktools wie drupal, elgg oder silverstripe kann ich den Einsatz von Wikis nur noch in dokumentarischen Umgebungen in Technologiefirmen als sinnvoll erkennen - also beim Maschinenbau oder im Flugzeugbau, wo es erwiesen hilfreiche Realisierungen gibt. Mir persönlich fehlt bei Wikis die wesentliche Komponente des social web, nämlich die niedrigschwellige Möglichkeit der Kommentare.

Ich finde übrigens nichts Verwerfliches an anonymen Kommentaren - vor allem solange die Unternehmenskultur nicht selten offene Kritik übel ahndet. Ohne sachliche Würdigung kritischer Stimmen fahren aber viele Projekte vor die Wand. Ds ist einer der Gründe, warum Wikis nicht nur aufgrund des Alters immer seltener in Artikeln über Web/Enterprise 2.0 auftauchen. Aber angesichts der enormen Anhäufung enzyklopädischen Wissens bei Großprojekten mag es gut erprobt und sinnvoll sein. Für mich ist es zu stark Web 1.0.

Aber genau das haben ja etliche Erweiterungen und Module zu bekannten Wikis (siehe Twiki) schon aufgegriffen und die ursprünglichen Programme erweitert. Nur deswegen stehen Wikis hier immer noch. Anders ist die Sache bei Confluence von Atlassian, dort wird versucht, dem Wildwuchs der unübersichtlichen Anhänge in vielen Projektdokumentationen mit grundlegenden DMS-Funktionalitäten zu begegnen. Aber damit sind wir schon sehr nahe an eGroupware und Konsorten.

Praxis Mashups

Die aus meiner Sicht wichtigsten Impulse gehen von Mashups und Widgets aus. Beides sind im Grunde nur Container für Daten und Anwendungen, die in Portale oder Websites integriert werden und dem Nutzer eine weitgehende Individualisierung seiner Oberfläche im Browser liefern. Und das ist hinsichtlich meiner einführenden Auflistung - neben den benutzergenerierten Inhalten (siehe Unternehmenskultur) - der wahre neue Aspekt von Enterprise 2.0. All die Versuche von Herstellern wie TIBCO etc. mit dem Enterprise Bus, also einem einheitlichen Zugriff auf Daten und Applikationen, scheiterten mehr oder weniger pompös. Auch SOA ist da keineswegs ein leuchtendes Beispiel. Die aktuellen Gründe sehe ich in dem Fokus auf Geschäftsprozesse.

Lean Management, also das Kostendrücken innerhalb und entlang von Wertschöpfungsketten mit dem Damoklesschwert der Geschäftsprozessoptimierung ist ein Ausweis des Managements des 20 Jahrhunderts, das Firmen wie Fließbänder steuerte. Wenn man aber in die Entstehung der Fließbänder schaut, so beginnt diese mit der überall vorhandenen Energie namens Elektrizität. Die neue überall erhältliche Substanz sind jedoch Daten und die gehorchen anderen Gesetzen. Vor allem deswegen, weil mit Daten nicht wie einst die Elektrizität Maschinen antreibt, sondern menschliche Entscheidungen und Handlungen. Das alte tayloristische Optimieren anhand des Vorbilds Fließband, dass BWL seit Jahrzehnten lehrte, gehört nun als Unterabteilung in die Robotik, als Theorie für Management von Menschen sind diese Erkenntnisse obsolet geworden.

Es ist einfach kontraproduktiv für die moderne Arbeitswelt. Da Teilhabe, Innovationen und Wissen nur einer in Unternehmenskultur ohne Lean Management gedeihen kann, erscheint das Thema Mashups und Widgets in diesem Kontext zunächst zusammenhanglos.

Wir überlegen uns ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, sie integrieren ein widget eines Lieferanten für Büroartikel, mit dem ihre Mitarbeiter unter Angabe der Kostenstelle von ihrem Firmennetz aus Bestellungen bis 150 EUR tätigen. Oder sie erstellen ein Mashup aller Online-Kataloge von Büroartikelversendern, die Onlineshops haben. Am besten ist wohl beides, oder? Übersicht über alle Anbieter und dann ein oder zwei widgets derjenigen, die oft günstig sind und zuverlässig kooperieren. Übertragen Sie das Beispiel mal auf Plattformen, auf denen Sie immer Freelancer suchen oder globale Einkaufsplattformen. Und jetzt drehen Sie die Perspektive: Projekte und Abteilungen innerhalb von Firmen liefern deren Kompetenzen innerhalb des Firmennetzes per Mashup (Inhalte) oder per Widget (kleine Funktionen). Jetzt können alle mit den Füßen abstimmen, wer seine Angebote so gut und präzise auf die Kollegen abstimmt, dass sie gut benutzbar sind. Es entsteht eine Servicementalität innerhalb der Firma.

Fazit

Man merkt schnell, Enterprise 2.0 hat eine Menge Potenzial. Man braucht Erfahrung, um zu erkennen, welche Technologien den einzelnen Abteilungen im Büroalltag helfen - aber diese sind schnell installiert und ausprobiert, und werden bei Nichtgefallen ersetzt. Demokratische Strukturen müssen sich entwickeln, um die Schätze des gemeinsamen Lebens und Arbeitens zu heben. Beides ist sehr produktiv und vor allem nachhaltig. Wer seine Firma nicht gerade übermorgen verkaufen will, sollte die Chancen prüfen.

Zum Schluss noch ein Zitat von Hal Varian, Professor an der School of Information Management and Systems sowie an der Haas School of Business und der volkswirtschaftlichen Fakultät der University of California sowie Googles Chefvolkswirtschaftler: "Sie haben immer dieses Problem, durch Jasager und Leute umgeben zu sein, die alles für Sie vorverdauen wollen. In traditionellen Organisationen gibt es ganze Armeen von Leuten, die Information verdauen und sie dann den Entscheidungsträgern nach oben reichen. Aber das ist nicht der Weg, wie es noch weitergehen sollte: Denn heutzutage sind Information über alle Hierarchieebenen - für jeden in einer Organisation verfügbar.

Und was Sie gewährleisten müssen, ist, dass Leute Zugang zu den Daten haben, damit sie ihre täglichen Entscheidungen treffen. Und das kann viel leichter getan werden, als es in der Vergangenheit möglich werden konnte. Und es ermöglicht wirklich den modernen Mitarbeitern, effektiver zu arbeiten."

Eine der schönsten und kürzesten Zusammenfassungen zum Thema kommt von einem der drei Väter von Enterprise 2.0 JP Rangaswami von BT: www.youtube.com/watch?v=UrAx2plHzD8

Quelle: Ausgabe 20090528 des PROJECT CONSULT Newsletters , ISSN 1439-0809.




Kommentare

Bitte beachten Sie unsere Informationen zum Datenschutz.

blog comments powered by Disqus

Weitere Artikel zum Thema

alle Artikel zum Thema

Autor

  • Jörg Wittkewitz

Der Autor berät Unternehmen aus geisteswissenschaftlicher Sicht dabei, mit der Ressource Wissen erfolgsorientiert umzugehen. Außerdem schreibt Jörg Wittkewitz für Magazine wie c't, Financial Times Deutschland, iX und das Handelsblatt.




Unsere Experten


alle Experten

Premium Lösungen

Marktübersicht

Premium Services

Dienstleisterübersicht